Linien in Rot

Autor: Victor Ribas

03 September 2010

Licht - Körper – Raum

 
Ohne Licht wäre jegliche Materie nicht sichtbar und ohne Materie wäre jegliches Licht für uns nicht erfahrbar.

Materie wird durch das von ihr reflektierte Licht sichtbar und Licht durch die sich ihm in den Weg stellende Materie reflektiert und für unser Auge dadurch erfahrbar.

Diese beiden Phänomene sind Trittbrettfahrer unserer täglichen Existenz und lassen sich nur in ihrer Dualität, in ihrer ständigen gegenseitigen Abhängigkeit in dieser Weise erfahren.

In den Photographien von Victor Ribas scheint diese Konditionierung jedoch durchbrochen zu sein.

Die dargestellten Körper scheinen nichts Äußeres reflektierend aus sich selbst heraus zu leuchten.

Die Körper sind sich selbst Materie und Licht zugleich. Eine fremde Lichtquelle ist nicht zu lokalisieren. Die bei hellem Lichte im Gepäck geführten Schattenseiten, die bei Fremdkontakt gerne ins Freie geworfen werden wollen, sind nicht auffindbar. Wo kein Licht ist, da macht der Schatten Urlaub.

Und doch ist manchmal auch das Licht allein sichtbar, die Atmosphäre durchaus wechselhaft.

Es erscheint zerkratzt in kurzen Strichen, erbost sich hierauf in Kurven, nimmt Anlauf, schlägt einen Haken, geht in Deckung und nimmt die Körper schließlich wie aus dem Nichts hervortretend in seinem leuchtenden Deckmantel gefangen. 

Meist sind die dargestellten Körper aber selbst Lichtungen im Dunkeln. Sich scheinbar an einem Nicht-Ort aufhaltend, sich sammelnd, sich konzentrierend, sich selbst betrachtend, sich anspannend, sich schließlich in den Raum abstoßend, sich immer schneller werdend drehend, sich zerstreuend und sich schließlich in Ekstase verlierend trotzen sie der sie umzingelnden Dunkelheit. Sie wirken durchdringbar und transparent - ohne Haut und Hülle ist ist ihr Inneres nicht vom Äußeren getrennt und strahlt in dieses aus. In ihrer skizzenhaften Darstellung erinnern sie an die Körperstudien und Apparaturdarstellungen von Leonardo da Vinci.

Ein den Körper umgebender architektonischer Raum mit festen Grenzen ist ebenfalls nicht zu sehen oder nur eindimensional in Gestalt einer Bodenfläche angedeutet. Im freien Raum schwebend ist dem Körper er selbst oder ein fremder Körper der einzige Ausgangs- und Bezugspunkt.

Und doch ist ein erweiterter Raum spürbar: ein Raum, der statt Grenzen Freiheiten aufbietet, sich schützend hervortut und einem seine Dimensionen biegsam zur Verfügung stellt. 

In den Photographien kann der Raum analog zu den Körpern sowohl als äußerer Lebensraum als auch als innerer seelischer Raum wahrgenommen werden.

Als Raum inneren Erlebens wird er vom Ich bespielt und bewohnt, das auf sich selbst zurückgeworfen die Vereinigung mit dem Anderen sucht, um sich selbst und den umgebenden Raum auszudehnen.

Neue Verbindungswege wollen angelegt und fertiggestellt werden, ungleichmäßige statische Belastungen besser ausbalanciert werden, die eigene Formensprache weiter differenziert, Verkommenes abgerissen, zu Bewahrendes restauriert und neue sinnstiftende Baustellen eingerichtet werden.

Raum und Neuraum können hier allein und zu zweit sowohl ruhend als auch tänzerisch erfahren, überwunden und gewonnen werden. Zwischenräume können überbrückt werden, verdrängte räumliche Tiefen kultiviert und  fremde Besenkammern nach Schätzen durchforstet werden.
 
Die mittels Langzeitbelichtung herausgearbeiteten Lichtgestalten werden von der Schwärze des Raumes umgeben und durchdrungen. Sie stehen ihr als Körperraum und Raumkörper gegenüber – der Wunsch nach Verschmelzung mit dem Äußeren ist unübersehbar. 
 

Florian Müller,

Architekt, Fotograf