Pression

Autor: Dennis Thies

21 April 2010

Jürgen Raap : Notizen zu den Arbeiten von Dennis Thies

Im Kölner Atelieradressbuch gibt Dennis Thies an, in seiner künstlerischen Arbeit habe er es mit der Erde und ihren Bewohnern zu tun. Vielen Thies-Kennern sind wohl auch noch die „Erdbilder“ aus den späten siebziger und den achtziger Jahren mit ihrer krustig-schrundigen Oberfläche in guter Erinnerung. Was in seinen jüngsten Kopf-Plastiken an Auslotung eines Menschenbildes spürbar ist, hat nichts mit Idealentwürfen und Sehnsucht nach ästhetisch-kosmetischer Vollkommenheit zu tun, sondern hier wird die Natur des Menschen mit all ihren
Verwerfungen befragt: der ewige „Ja-Sager“ hat das Wort „Ja“ in die Ohrmuscheln eingraviert, andere Köpfe auf langen Stelen werden unter dem Titel „Kleine Naturbetrachtung“ zusammengefasst. Die Bibel hat Gottvater den Menschen aus Erde gemacht, und er ist nach der Vertreibung aus dem Paradies dazu verdammt, im Schweiße seines Angesichts seinen Acker zu bestellen und sein Brot zu essen, und nach dem Tode werden seine sterblichen Überreste wieder der Erde überantwortet mit der Formel „Asche zu Asche, Staub zu Staub“. Wo Dennis Thies in seinen Kopf-Arbeiten Metaphorisches erkennen lässt, hat dies zwar keinen religiösen Hintergrund, doch unzweifelhaft hat es in der Kultur- und Geistesgeschichte immense Mystifizierungen und Mythologisieren der Gebundenheit des Menschen an den Boden, an die Erde gegeben- und immer wieder Versuche, sich aus dieser Bodenhaftung zu erheben, sich zu Höherem zu transzendieren.   Doch dem steht oft genug menschliche Schwäche und Unzulänglichkeit entgegen, und mit unverfroren vorgetragener Doppelbödigkeit führt uns Dennis Thies einen „ Scheinheiligen „ vor, der einen Heiligenschein über seinem Kopf hat, diesen aber nur für sich reklamiert, ohne tatsächlich ein Heiliger zu sein. Ein anderer apportiert zwischen den Lippen ein Stöckchen wie ein Hund- nein, schöne, starke Heldengesichter   tauchen in den kaleidoskopisch angelegten werkkomplexen   von Dennis Thies nicht auf. Tonmodelle (Erdmaterial !) sind Ausgangspunkt für immer nur eine einzige Umsetzung in Gussgips, obwohl die Kautschukform mit den Negativ-Abdrücken der Physiognomie des Modells beliebig viele Abgüsse erlauben würde. Manchmal erfolgt die Oberflächenbehandlung   der Gesichter mit akribischer Glättung, mal sind Zerklüftungen sichtbar, in denen die Formensprache der früheren Erdbilder noch, wenn auch ganz entfernt nachwirkt. Die Köpfe sind keineswegs maskenhaft oder puppenhaft ausformuliert, man könnte sie sich nicht in einem Marionettentheater vorstellen. Und doch denkt man an Sebastian Brands spätmittelalterliches Narrenschiff, an die Physiognomien von Breughel - gerade die Mützen und Kappen, die Thies seinen Köpfen aufsetzt, wirken bizarr; doch was hier närrisch anmutet, ist nicht literarischer Natur, sondern existentieller. Die oft fledermausartig ausgebreiteten Ohren, die spitzförmig verlängerten Kinnpartien – sie haben eher eine geistige Nähe zu Edvard Munchs „Der Schrei“ denn zu den fratzenhaften Masken und Kopf – Figuren eines karnevalesken Mummenschanzes , wie er in Südbelgien und im alemannischen Raum heute noch üblich ist. Im Arrangement und in der Titelgebung vollzieht Thies eine humoristisch – ironische Brechung des Sujets: der „Steinriecher“ ruht in seitlicher Lage mit der Nase nach unten auf einem Sockel. Mit derlei Neigung zum Absurden und Grotesken weicht Thies einer Fehlinterpretation seitens des Betrachters aus, hier werde mit Höllischem oder Diabolischem kokettiert. Bei diesem Köpfe – Konzept geht es nicht um Individualisierungen im Sinne von Einmaligkeit und Einzigartigkeit in Abgrenzung vom Anderen und  Andersartigen. Dennis Thies arbeite vielmehr mit Typisierungen, aber er schafft keine Prototypen. Die Herausarbeitung des Einzelnen ergibt sich aus der Methode der Variation, der Abweichung; Monets berühmtes Kathedralenbild mit einer Aufreihung verschiedener Lichtsituationen inspirierte Thies zu rund einem Dutzend Köpfe mit annähernd gleicher Mimik, wie sie ein Schlafender zeigt. In der Ausstellungssituation stehen sie nebeneinander auf Sockel, Abguss eines Wackerstein – Quaders in authentischer Patinierung. In dieser bewusst seriell angelegten Inszenierung werden aber bei genauem Hinsehen Unterschiede in den Nasen – und Augenpartien deutlich. Unterschiedlich angebrachte Kugeln an den Eckkanten der Sockeloberfläche verstärken das Moment der Variation, ebenso, wie bei anderen Kopfreihen die unterschiedliche Patinierung der Oberfläche von hell bis dunkel einer Uniformität ausweicht. Eine Ausstellungsinszenierung ist niemals bloße Platzierung im Raum, simple Zur – Schau – Stellung von Exponaten. Gerade Thies bemüht sich im Arrangement dieser Exponate um eine „Verkappung“aus der eine Geschichte ablesbar ist, ein Erzählcharakter zum Tragen kommt und in übertragenem Sinne auch ein „Klang“. Die „Bodygards“sind z.B. als Wandinstallation konzipiert; zwei diffizil ausformierte Leibwächter flankieren ihr Schutzobjekt , und alle drei Köpfe scheinen vor der Wandfläche zu schweben. Bei den Figuren, die Thies aus Seife formt, gibt vor allem die Materialität der Präsentation einen speziellen „Kick“. Vieles wird augenzwinkernd   vorgetragen, entbehrt nicht einer gewissen, bewusst eingesetzten Skurillität, einem Valentinschen „Um die Ecke Denken“. Es toben zwar keine Quälgeister durch die Vorstellungswelt von Dennis Thies wie in den mittelalterlichen Drolerien, aber von Drolligkeiten in einem modernen   Wortsinn kann ebenfalls nicht die Rede sein. Die Köpfe stellen verallgemeinerbare    Charaktere dar, doch keine Charaktermaskenhaftigkeit, wie man sie einem „Mann ohne Eigenschaften“ zuweisen müsst. Was den Erzählcharakter ausmacht, so wird einerseits mit deutlicher Hintersinnigkeit und auch einer gewissen Drastik fabuliert, andererseits arbeitet Thies auch mit einer Parabelhaftigkeit, der die direkte und schnelle Deutung nicht eigen ist, auch nicht die Verschlüsselung, die aber auf das sinnliche wie intellektuelle Begreifen einer Pointe zielt. Ein Witz muss nicht immer lustig sein.
 
Text: Jürgen Raap